Der Kaiser der Paradeiser

Paradeiser Kaiser Stekovics Burgenland

Im kleinen, überschaubaren Frauenkirchen im Burgenland, gibt es einen Paradeiser-Anbau der etwas anderen Art. Hier kann man mit dem Kaiser der Paradeiser Erich Stekovics höchstpersönlich seine Paradeiser-Felder besichtigen. Dabei erfährt man nicht nur so manche spannende Information über die beliebteste Frucht der Österreicher, sondern darf sich auch quer durchs Feld und die Gewächshäuser probieren.

Paradeiser: Die Beutelfrucht der Maya und Azteken

Paradeiser zählen überraschenderweise botanisch gesehen gar nicht zum Gemüse, sondern sind Früchte. Ganz genau genommen gehören sie zum Beerenobst. Sie sind das beliebteste Obst der Welt und der Verbrauch ist in Österreich in den letzten Jahren enorm explodiert. Insbesondere im verarbeiteten Zustand, als Soße, getrocknet oder in vielen anderen Varianten werden Paradeiser gegessen. Wer, so wie Erich, etwas auf diese Pflanze hält, würde sie außerdem niemals als Tomate bezeichnen, sondern unbedingt als Paradeiser. Woher kommt jedoch dieser Name? 

Die Bezeichnung Tomate ist die ursprünglichere Bezeichnung der Maya und Azteken und bedeutet so viel wie Beutelfrucht, da auch das Aussehen der alten Paradeiser-Sorten an einen Geldbeutel erinnert. Allerdings ist mittlerweile das Wort Tomate zum Synonym für die Tomaten aus den Gewächshäusern Hollands geworden, die nicht vergleichbar sind mit den Früchten, die bei den Stekovics geerntet werden. Im Burgenland, Niederösterreich und auch in Wien hat man die Paradeiser noch nie wirklich als Tomaten bezeichnet. Hier weiß man, dass die Frucht aus dem Paradies (Paradise) kommt und wird demnach als Paradeiser bezeichnet.

Der Ursprung der Stekovics: Von Chilis zu den Paradeisern

Der Betrieb der Stekovics hat sich zunächst ausschließlich mit Chilis beschäftigt, mit welchen auch heute noch dreimal so viel Umsatz gemacht wird als mit Paradeisern! Die Familie betrieb Österreichs größte Chili Anlage. Und somit bezeichnet sich Erich auch nur auf dem Gebiet der Chilis als Fachmann. Bei den Paradeisern gibt er selbst den geduldigen Lehrling, der Jahr für Jahr von dieser Pflanze lernt und sich von ihr begeistert lässt. 

Von den Chilis kamen die Stekovics dann dank der Organisation Arche Noah auf den Geschmack der Paradeiser. Diese Gesellschaft für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt hat 2002 in Frauenkirchen 75 verschiedene Sorten Paradeiser angebaut, an welchen Erich zunächst eigentlich kein großes Interesse hegte. Eine Sorte hatte es ihm dann doch angetan: die gelbe, 1400 Jahre alte Johannisbeer-Paradeis, die an einer Pflanze eine unglaubliche Anzahl von 6000 Früchte tragen kann.

Daraufhin hat Erich angefangen, sich mehr mit dem Thema zu beschäftigen und erfahren, dass es mehr als 300.000 verschiedene Sorten von Paradeisern gibt. Arche Noah hat den Stekovics dann ihr Archiv von rund 580 Sorten Paradeisern zur Verfügung gestellt. Dazu kam noch Saatgut von einem Institut in St. Petersburg dazu, das sich der Erhaltung von Kulturpflanzen verschrieben hat, sodass 1265 verschiedene Sorten Paradeiser an den Start gehen konnten. Allerdings war die Kultivierung der Pflanze noch ein großes Fragezeichen, zumal Erich keine Erfahrung in der Landwirtschaft hatte. Sein Bauchgefühl jedoch, die Pflanze einfach so sein zu lassen, wie sie ist, hat sich als richtig erwiesen.

Kein Gießen oder Düngen? Bei den Stekovics werden die Paradeiser genau deshalb so besonders

Bei den Stekovics läuft im Anbau der Paradeiser so einiges anders, als das in der Tomatenzucht der Fall ist. Es gibt keine Gewächshäuser im traditionellen Sinne, denn die Produktion der Paradeiser findet ausschließlich auf dem freien Feld statt. Die Paradeiser wachsen wie Erdbeeren auf einem Strohfeld und werden weder gegossen, gedüngt oder gegen Pestizide behandelt, noch hochgebunden oder ausgegeizt. Paradeiser entwickeln sich am besten, wenn man sie einfach nur wachsen lässt und sie die Gelegenheit hat, sich ihrer Umgebung anzupassen. 

So werden nur für die Saatgutgewinnung Paradeiser-Pflanzen in Folientunneln hochgebunden, da sonst nicht genug Platz für die tausenden Pflanzen wäre. Somit beginnt und endet das Jahr der Paradeiser mit der Ernte der Früchte, aus welchen für das nächste Jahr Saatgut gewonnen wird. Im April wird dann mit dem Anbau der Paradeiser begonnen und Mitte Mai werden sie aufs Feld gepflanzt. Im Juni wird anschließend noch Stroh unterlegt und sobald die ersten Paradeiser reif werden, beginnt die Ernte. 

Zwar wäre die Saatgutvermehrung technisch gesehen nicht notwendig, da Samen von Paradeisern bis zu 30-40 Jahre überdauern können. Je öfter eine Pflanze jedoch angebaut wird, desto mehr Erfahrung kann sie am Standort sammeln und desto robuster wird sie. Mit Temperaturen, wie im französischen Nizza, ist im Burgenland auch ausgesprochen heiß. Die Paradeiser haben jedoch ihre Anforderungen angepasst und ähneln somit immer mehr einem Kaktus, wenn es um Standortmerkmale wie den Boden oder die Feuchtigkeit geht.

So klappt der Anbau der Paradeiser auch zu Hause

Aber nicht nur im Burgenland auf schottrigem Boden gedeiht die Paradeiser. Bei einem Besuch gibt Erich auch Tipps, wie im eigenen Garten die Paradeiser-Anzucht im nächsten Jahr klappen kann. Das größte Geheimnis ist dabei, die Pflanze ihrer eigenen Kraft zu überlassen. Sie will den Menschen gar nicht so oft sehen, wie man das beim Gärtnern immer vermutet. 

Im Garten kann die Pflanze auch zu Hause bis zu 2 Meter tief in den Boden wurzeln und versorgt sich so mit Feuchtigkeit und Nährstoffen. Den größten Fehler, den man hier machen kann, ist von oben zu gießen. Dabei werden nur die oberen 30 Zentimeter mit Feuchtigkeit versorgt und die Pflanze sieht keine Notwendigkeit ihr volles Potenzial in die Tiefe auszuschöpfen. Wenn sie dann auch noch ausgegeizt wird, fehlen ihr noch 90 Prozent aller Blätter und Triebe, und die Pflanze will noch weniger Wurzeln entwickeln.

Jeder Paradeiser, der hochgebunden und ausgegeizt wird, ist dem Tode nahe.

Erich Stekovics

Auch für den Balkon oder die Terrasse eignet sich die Paradeiser zum Anbau. Allerdings muss der Topf hier ein Volumen von 80-120l fassen und das Wasser sollte unbedingt abfließen können.

Warum die drittintelligenteste Pflanze der Welt keine Nachbarn mag

Ja, richtig gelesen! Denn auch die Intelligenz von Pflanzen kann beurteilt werden. Der Paradeiser hat es nämlich von selbst geschafft, sich auf allen Kontinenten der Welt niederzulassen. Zwar wachsen andere Kulturpflanzen auch auf anderen oder auch allen Kontinenten, diese sind allerdings nicht selbstständig dorthin gekommen. Der Ursprung der Paradeiser liegt in Amerika. Die Pflanze wächst aber auch in den tiefsten Regionen Sibiriens. Sie ist eine absolute Eroberungs- und Überlebenskünstlerin und kann sich sehr gut anpassen.

Sie stellt sich auf die Niederschlagsmenge ein, die sie erhält oder erkennt die Dauer einer Saison und wird dementsprechend schneller reif. Außerdem gibt es Sorten, die ihre Farbe angepasst haben, damit bei starker Einstrahlung die Sonne besser absorbiert werden kann. Neben ihrer Genügsamkeit ist sie eine sehr soziale Pflanze, die untereinander spricht und Nachbarpflanzen warnt, bevor sie sich selbst vor Feinden in Schutzstellung bringt. Es gibt Pflanzen, die ihr Leben für die anderen hingeben und bewusst schwach bleiben, damit beispielsweise Insekten zuerst die schwachen Pflanzen befallen. 

Allerdings ist der Paradeiser lediglich den eigenen Artgenossen gegenüber sozial und man sollte tunlichst darauf verzichten, ihm Nachbarn zu geben. Das hat insbesondere mit dem enormen Wurzelgeflecht der Paradeiser zu tun. Dieses nimmt bis zu 10 Quadratmeter Boden in Anspruch, entwickeln ein Gesamtgewicht von 25 Kilogramm, eine Wurzeltiefe von 2 Metern und eine Gesamtlänge von etwa 800 Metern. Zudem möchte der Paradeiser auf höherer Ebene mit seinen Nachbarn kommunizieren. Da scheidet nicht nur so manche Pflanze aus, auch der Menschen agiert nicht immer zum Vorteilen der Paradeiser.

Paradeiser-Sorten: Von Banana Legs bis Ochsenherz

Wenn es um die Farben, Formen oder Größen der Paradeiser geht, gibt es kaum Sachen, die es nicht gibt. Leider, ist laut Erich, die Farbe Rot sehr dominant und die Paradeiser bringen einige Vorteile mit sich, wenn sie nicht rot sind. Erst das veränderte Licht in Europa hat die Paradeiser rot werden lassen, davor war sie eher grünlich, bräunlich und orange. Aber genau diese Farben darf man bei den Stekovics heute noch bestaunen und verkosten. 

Neben vielen roten Sorten gibt es auch gestreifte Paradeiser und die Farben gelb, rosa, grün, orange und weiß. Auch das Größenspektrum ist vielfältig, vom 1,5 Kilogramm schweren Ochsenherz-Paradeiser, bis zum gelben Johannisbeer-Paradeiser in der Größe von Stecknadelköpfen. Daneben gibt es spitze und runde Paradeiser, die gelben Banana Legs-Paradeiser, die aussehen wie eine Banane und sich auch genau so schälen lassen, oder Paradeiser, die aussehen wie Erdbeeren. 

Jedoch kann man, wie man vielleicht vermuten würde, von der Form oder Farbe der Paradeiser, nicht auf den Geschmack schließen. Bei den Stekovics werden die Sorten, die keinen guten Geschmack haben aussortiert, da Merkmale wie hohe Erträge, Haltbarkeit oder Transportfähigkeit bei weitem nicht so wichtig sind, wie der unverkennbare und volle Geschmack von reifen Paradeisern. Laut Erich sind von seinen 3000 Sorten mit Sicherheit 2000 dabei, die außergewöhnlich gut schmecken!

Genussstunden bei den Stekovics: kulinarische Vielfalt vom Feinsten!

Zweimal am Tag geht Erich persönlich mit bis zu 20 Gästen auf eine 3 ½ stündige Tour über die Paradeiser-Felder und durch die Folientunnel der Saatgutvermehrung. Dabei gibt er noch viel mehr Tipps und Tricks, als er beim Podcast ohnehin schon mitgeben konnte. Den unvergleichlichen Geschmack der unterschiedlichsten Paradeiser-Sorten, die frisch von der Pflanze vernascht werden dürfen, können jedoch nur bei einem Besuch der Genussstunden erlebt werden. Zum einen ist es eine kulinarische Tour, aber auch eine gärtnerische Tour, dank welcher die Paradeiser im nächsten Jahr zu Hause auf jeden Fall noch besser gelingen. Für die Genussstunden ist unbedingt eine Voranmeldung notwendig!

99 % der Paradeiser werden direkt verarbeitet und sind als Chutneys, Ketchup mit nur 2 % Zucker, Essig oder sonstige Köstlichkeiten im Hofladen der Stekovics erhältlich. Frische Paradeiser gibt es nur auf Vorbestellung. Ein weiterer Teil wird auch an die Spitzengastronomie in der Region geliefert. Von 1. April ab ist der Hofladen geöffnet, wobei im Frühjahr bis zu 400 verschiedene Sorten Setzlinge zur Auswahl stehen, die im eigenen Garten oder auf dem Balkon angepflanzt werden können. Ab 23. Dezember sind die Stekovics dann bis im Frühjahr auf wohlverdienter Tauchstation, bis die Paradeiser-Saison von neuem beginnt.  

Wie Erich den Beinamen “Kaiser der Paradeiser” bekam, so manches Schmankerl und weitere spannende Paradeiser-Insights könnt ihr im Podcast No Kangaroos – Der Österreich Podcast nachhören!

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Informationen zur Episode
Stekovics
Schäferhof 2
7132 Frauenkirchen