Zu Gast bei Sigmund Freud im 9. Bezirk

Sigmund Freud Museum Wien Podcast

Sigmund Freud zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Er ist der Begründer der Psychoanalyse und trug einen großen Teil zu heutigen Behandlungsmöglichkeiten bei. Seine ehemalige Wohnung und gleichzeitig auch Praxis im 9. Bezirk Wiens beherbergen heute das Sigmund Freud Museum. Dort kann man einen Einblick in das Leben und die Arbeit von einem der einflussreichsten Denker erfahren.

In dieser Podcastfolge unterhalte ich mich mit der Direktorin des Museums Monika Pessler. Sie gewährt uns Einblicke in das Leben von Freud, wie er die Hypnose nach Wien brachte, die Entwicklung der Psychoanalyse und auch seine Vertreibung 1938 nach dem „Anschluss“ als er mit seinem gesamten Hausstand nach London floh.

Goldener Sigi: Wie Freud zu einer seiner wichtigsten Erkenntnisse kam

Dr. Sigmund Freud war ein Mensch, der viel erlebt hat und ein tragisches Schicksal fand. Freud wurde Mitte des 19. Jahrhunderts im heutigen Osten von Tschechien geboren. Mit drei Jahren musste er seine Heimat zum ersten Mal verlassen und kam über Leipzig nach Wien. Seinem Vater wahr es verwehrt ein Geschäft in Leipzig zu eröffnen. Das Leben der Familie war geprägt von vielen Umzügen. Mit 6 Geschwistern aufgewachsen war Freud der älteste Sohn.

Schon immer wissbegierig, nannte Freuds Mutter ihn den goldenen Sigi. Er bekam genug Ruhe und Zeit für seine Abschlüsse und Studien. Sein Medizinstudium schloss er in Neurologie ab. Freud interessierte sich schon damals besonders für Gewebeschnitte und Nerven. Er galt schon immer als innovativ in seiner Arbeit. 

Durch seine spätere Arbeit in einer Psychiatrie fiel ihm auf, dass damalige Behandlungen langfristig keine Erfolge brachten. Dazu zählten auch Methoden wie heiß-kalt Bäder oder Elektroschock-Therapien. Anfang der 1880er Jahre wuchs das Interesse für die Hypnose. Vor Studenten wurde damals ein regelrechter Zirkus aufgeführt. Um über besondere Fälle zu lehren, wurden tatsächlich Erkrankte vorgestellt. Freud machte dies mit der Anwendung der Hypnose und kam dadurch zur Erkenntnis, dass sie manche Symptome verschwinden ließ. 

Die äußerst spannenden Ansätze Freuds

Freud brachte mit seinen Erkenntnissen die Hypnose nach Wien. Seine erste Rede vor Ärzten in Wien war der Hysterie gewidmet. Was ihn für seine Zeit so innovativ machte, war sein gleichgeschlechtlicher Bezug. So ging es auch beim Thema Hysterie nicht vorrangig um Frauen, sondern um die Hysterie des Mannes. Das sorgte in der damaligen konservativen Zeit für ordentliches Aufsehen. Seine Ansätze schwächten sein Ansehen in der Community und er wurde nicht selten als Märchenerzähler bezeichnet. 

Später beobachtete Freud Joseph Bräuer beim Behandeln seiner Patienten und lernte, dass das Sprechen über Ängste hilft, die Nerven zu beruhigen. Die Methode des Sprechens dient, schön gesagt, dem Abführen gestauter Energie (katalytische Methode) und beruhigt. Das bildet den Grundstein der Psychoanalyse. 

Zu den spannendsten Theorien Freuds zählte beispielsweise auch seine Behauptung, dass alle hysterischen und paranoiden Zustände auf sexuellen Missbrauch zurückzuführen sind. Oder andere Theorien wie die des „Penisneids“ bei jungen Mädchen und die Zuwendung zu den Eltern in sexueller Hinsicht im jungen Erwachsenenalter. Viele seiner Theorien wurden widerlegt, wobei einige damals Skandalöse später noch zeigten, dass er nicht ganz daneben lag. 

Vielleicht ist einer der Gründe, wieso Freud so erfolgreich war, dass er sich nicht vor dem Scheitern fürchtete. Er lieferte beispielsweise einen wichtigen Ansatz für die Erforschung der Entwicklung des Kleinkindes und der Sexualität. Sympathisch macht ihn, dass er nie ein Problem damit hatte seine Meinung zu revidieren. Gerne überdachte er seine Arbeit, um sie zu verbessern oder sogar selbst zu widerlegen.

Sigmund Freud Museum Wien

Sigmund Freud als Erfinder der Psychoanalyse

Was die Arbeit in der Psychoanalyse so spannend macht, ist der geschulte Umgang mit Patienten. Was ein Patient erzählt ist nicht immer 1:1 passiert, es handelt sich um die Wahrnehmung und das Befinden. Die Aufgabe eines Psychoanalytikers ist es daraus ein Konstrukt zu erstellen und wesentliche Punkte aufzuarbeiten. Ein Text von Freud lautet dazu „Erinnern. Wiederholen. Durcharbeiten. Erinnern. Wiederholen. Durcharbeiten…“.

Die typischen Patienten von Freud waren wohlhabend und zählten zu der höheren Bildungsschicht. Behandlungen beim berühmten Dr. Freud waren auch mit hohen Kosten verbunden. Er nahm sich allerdings auch Patienten an, die sich seine Behandlungen nicht leisten konnten. Doch war seine Hauptklientel mit Geld gesegnet.

Auch bei Freud gab es außer seinem Hund, einem Chow-Chow keine Mithörer. Dafür wurden sogar Wände speziell abgedichtet. Eine Sitzung beendete er immer nach 50 Minuten. Das ist auch heute noch ein Richtwert. Die Behandlung findet auf einer Couch liegend statt. Der Therapeut sitzt jedoch nicht, wie in den meisten Filmen, gegenüber dem Patienten, sondern außerhalb seines Sichtfeldes. So sollen auch unbewusste Emotionen der Stimme wahrgenommen werden können. Ohne Augenkontakt orientiert sich der Patient nicht am Analytiker und seiner Reaktion. Der Therapeut soll neutral Informationen aufnehmen und daraus eine Konstruktion erstellen. 

Einblicke in die Praxis und das tragische Leben des Dr. Sigmund Freud

In Kreisen der Psychotherapie waren seine Theorien und Ideen immer gut akzeptiert. Erst mit dem Aufkommen des Feminismus fand Freud Gegenstimmen. Frauen wandten sich vermehrt von seinen Ideen ab, allerdings später auch wieder zu. Das kam durch eine wichtige Erkenntnis, gewisse Dinge isolierter zu betrachtet. So war es Freud stets wichtig, beide Geschlechter zu berücksichtigen und passend zu behandeln. Er lernte gerne von weiblichen Kollegen und förderte und unterstützte sie. Laut ihm sollten beide Geschlechter einander auf Augenhöhe betrachten.

Freud soll ein unglaublich disziplinierter Mensch gewesen sein. Eher tragisch ironisch für das Leben eines Arztes rauchte Freud 20 Zigarren am Tag. Das führte zu wahrscheinlich zu Kieferkrebs und infolge zu insgesamt 33 Operationen. Freud litt bis zum Ende seines Lebens an starken Schmerzen. Er trug eine Kieferprothese, die ihm seine Tochter Anna helfen musste einzusetzen. Die Prothese aus Holz ist im Sigmund Freud Museum in London ausgestellt. Anna Freud beschäftigte sich selbst auch mit der Psychoanalyse und trat als Kinderanalytikerin in die Fußstapfen ihres Vaters. 

Sigmund Freud Museum Wien

1938 verließ Freud, als nicht gläubiger Jude, mit seiner Tochter Anna Wien. Nachdem Anna nach Demonstrationen nach einer Festnahme der Gestapo wieder freikam, flohen die beiden nach London. Viele Festgenommene, welche am selben Tag in Gewahrsam kamen, wurden nie wieder gesehen.

Innerhalb von 1,5 Jahren wurden in Wien 40.000 Wohnungen „judenfrei“. In der Berggasse, in der die Praxis und Wohnung von Freud liegt, entstanden sogenannte „Judenwohnungen“. Dort wurden Juden auf engstem Raum zusammengepfercht um auf ihre Deportation warten. Alleine in der ehemaligen Wohnung Freuds wohnten zu dieser Zeit 49 Personen. 

Zum Ende hin war Sigmund Freud psychisch sowie physisch gebrochen. Am 23. Dezember 1939 fand er den selbstgewählten Tod. Mit einem befreundeten, ebenfalls österreichischem Arzt und Psychoanalytiker plante Freud sein Ableben. Freud als Arzt aus wahrer Leidenschaft empfing noch bis kurz vor seinem Tod Patienten.

Museumsbesucher in der Wohnung: Podcast auf den Spuren von Freud

1971 wurde in Wien das Sigmund Freud Museum gegründet. Als Standort dient nichts Geringeres als die ehemalige Altbauwohnung und Praxis in der Berggasse 19. Direktorin Monika Pessler gestaltete das Museum 2020 komplett neu. Ihr großes Interesse an Kunst und Kultur kommt der Gestaltung des Museums zugute. Sie studierte Kunst und möchte das Kulturgut so präzise wie möglich vermitteln. Am meisten fasziniert sie die neue Selbstsicht, die Freud den Menschen eröffnet hat, um ihr eigenes Handeln zu überdenken. Auslöser sind oft unbewusster Natur. 

Sigmund Freud Museum Wien

Das Museum ist gestaltet wie Freud selbst sich es wohl gewünscht hätte. Außergewöhnlich ist bereits der erste Ausstellungsraum des Wohnhauses. Besucher betreten wie Freud und seine Patienten damals die Treppenräume. Das Museum ist über die Jahre um einiges gewachsen. In den 70er Jahren mit 2 Räumen gestartet erstreckt sich die Ausstellung nun über mehrere Stockwerke und eine eigene Bibliothek. Das bietet Raum für die Präsentation von Freuds umfangreichem Leben als Privatperson und als Psychoanalytiker.  

Monika Pessler erzählt im Gespräch mit dem Österreich Podcast über das spannende Leben von Freud und wie sie es geschafft hat all das in ein Museum zu packen. Das Freud Museum bietet nebenbei auch einzigartige Veranstaltungen wie etwa Buchvorstellungen. Im Podcast mit dabei ist alles rund um Sigmund Freud sowie interessante Fakten und Nebengeschichten, wie zum Beispiel der 50 Schilling Schein den Freud zierte oder seine Handschrift, die digital erworben werden kann. 

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Links und weitere Informationen zur Podcastfolge

Sigmund Freud Museum
Berggasse 19
1090 Wien